Nach Rainer die Abrechnung mit dem Bild
Nach Rainer
Die Abrechnung mit dem Bild
Arnulf Rainer, 1929–2025
Der österreichische Künstler Arnulf Rainer, bekannt für seine 'Übermalung'-Technik, ist verstorben.
Seit den 1950er Jahren malte Rainer sowohl über seine eigenen als auch über fremde Werke. Anfangs entstand dies aus materieller Notwendigkeit: "Ich hatte kein Geld, ich kaufte alte Bilder von Flohmärkten, sie waren billiger als neue Leinwände."
Arnulf Rainers Tod (1929–2025) ist nicht nur der Verlust eines Künstlers; es ist die Wiederaufnahme einer der verstörendsten Fragen der modernen und zeitgenössischen Kunst:
Wann ist ein Bild vollendet und von wem?
Was nach Rainer zurückbleibt, sind nicht "übermalte" Bilder, sondern Oberflächen, über die zwingend nachgedacht werden muss. Er nahm nicht den Respekt der Kunstgeschichte vor dem Bild ernst, sondern die Last, die das Bild trägt. Deshalb war seine Praxis kein Vandalismus, sondern eine Form der Konfrontation. Rainer malte nicht; er unterdrückte, bedeckte, verletzte, zog sich zurück. Und dieser Rückzug machte den Betrachter zu einem aktiven Zeugen.
Heute, unmittelbar nach Rainers Tod, die gemeinsame Ausstellung mit Damien Hirst neu zu lesen, schärft diese Zeugenschaft noch mehr.
Über das Bestehende neu produzieren: Parasit oder Widerstand?
Rainers Praxis wurde oft als "Intervention über das bestehende Werk" beschrieben. Diese Definition ist unvollständig. Denn hier geht es nicht um ein Hinzufügen, sondern um einen Akt der Spannungserzeugung.
In der Natur verzehrt der Parasit seinen Wirt.
Bei Rainer jedoch stirbt das darunterliegende Bild nicht; es widersteht.
Fotografien, Drucke, seine eigenen alten Arbeiten oder historische Bilder… Für Rainer sind dies nicht heilige Ausgangspunkte, sondern Oberflächen, mit denen abgerechnet werden muss. Seine Kritzeleien sind nicht da, um das darunterliegende Bild zu verstecken, sondern um daran zu erinnern, dass dieses Bild noch da ist. Der Betrachter konfrontiert sich mehr mit dem, was er nicht sieht, als mit dem, was er sieht.
In diesem Sinne ist Rainers Arbeit weder ein Make-up noch eine Korrektur. Im Gegenteil, es ist ein systematischer Einspruch gegen den Anspruch der Kunst auf "Vollendung".
Jenseits der Dekonstruktion: Die Ethik der Unvollendung
Rainer nur als Dekonstrukteur zu lesen bleibt unzureichend. Er baut neu auf, während er zerstört; er öffnet, während er bedeckt. Diese doppelte Bewegung kreuzt sich kraftvoll mit Umberto Ecos Konzept des Offenen Kunstwerks.
Rainers Arbeiten:
Schlagen keine einzige Bedeutung vor
Präsentieren keine geschlossene Ästhetik
Reduzieren den Betrachter nicht auf einen passiven Empfänger
Im Gegenteil, sie laden den Betrachter zum Kratzen ein. Dieses Kratzen ist nicht physisch, sondern mental. Rainers Oberflächen sind Bereiche, die sich der Vollendung widersetzen. Sie sind nicht ein Ergebnis, sondern ein Prozess.
Die Kunst hört hier auf, ein Objekt zu sein; sie wird zu einer ethischen Haltung.
Nebeneinander mit Hirst: Repräsentation des Todes oder Berührung mit dem Tod?
Dass Damien Hirst und Rainer im selben Ausstellungskontext gedacht werden, ist nicht zufällig. Beide Künstler beschäftigen sich mit dem Tod; aber aus völlig entgegengesetzten Richtungen.
Hirst präsentiert den Tod in der Vitrine, vergegenständlicht ihn, friert ihn ein.
Rainer lässt den Tod auf der Oberfläche leben; verletzt, unterdrückt, ruft zurück.
Dieser Gegensatz stellt uns folgende Frage:
Kann der Tod repräsentiert werden, oder kann er nur durch Konfrontation mit ihm gedacht werden?
Rainers Antwort ist klar: Der Tod wird nicht gezeigt, er hinterlässt Spuren. Seine Bilder sind Träger dieser Spuren.
Nach Arnulf Rainer: Eine weniger respektvolle, ehrlichere Beziehung zum Bild
Das kraftvollste Erbe, das Rainer der Kunstgeschichte hinterlässt, ist folgendes:
Respekt vor dem Bild ist nicht durch sein Bewahren möglich, sondern dadurch, es ernst genug zu nehmen, um es zu stören.
Heute, in einem Zeitalter, das von digitaler Vervielfältigung und glatter Ästhetik beherrscht wird, sind Rainers Arbeiten immer noch verstörend, und der Grund dafür ist genau das. Er störte den Komfort des Bildes. Er sah die Kunst nicht als Vitrine, sondern als Konfliktfeld.
Für Collecist ist das Gedenken an Rainer keine nostalgische Ehrerbietung. Es bedeutet, eine noch offene Frage der zeitgenössischen Kunst lebendig zu halten:
Ist die Kunst da, um die Welt zu verschönern, oder damit wir nicht vermeiden, sie so zu sehen, wie sie ist? Arnulf Rainer beantwortete diese Frage nicht.
Aber er machte es uns auch unmöglich, sie zu ignorieren.
S.Ç. Özkefeli
4. Januar 2026