Trotz seiner Flügel die Holzleiter
Von Jakobs Leiter zum Bildschirm: Zur Ikonographie des Aufstiegs Ein Detail Im Katharinenkloster auf dem Sinai gibt es eine Ikone aus dem 12. Jahrhundert: Die Himmelsleiter. Die Komposition ist von bestechender Klarheit. Eine Leiter, die von der unteren rechten Ecke nach oben führt, darauf in einer einzigen Reihe kletternde Mönche, von rechts kleine schwarze Teufel, die sie hinabzuziehen versuchen, und oben links eine Schar von Engeln. Die Engel fliegen. Die Mönche klettern. Was beim ersten Blick auf die Ikone nicht auffällt, ist Folgendes: Die Wesen, die fliegen können, helfen den Kletternden nicht. Sie nehmen niemanden in die Arme und tragen ihn hinauf. Sie schauen nur zu. Der Himmel in jenem Bild bietet keinen Fahrstuhlservice. Behalten Sie dieses Detail im Gedächtnis. Denn der Satz „eine hölzerne Leiter trotz Flügeln" ist keine Ironie, die die Moderne erfunden hat. Er ist Treue gegenüber einer weit älteren Szene. Genesis 28. Jakob macht einen Stein zu seinem Kopfkissen, schläft ein und hat einen Traum: eine Leiter, die auf der Erde steht und bis in den Himmel reicht. Und auf dieser Leiter auf- und absteigende Engel. Sie fliegen nicht. Sie benutzen die Sprossen. Im ältesten Bild des westlichen Vorstellungsvermögens vom Himmel gibt es bereits eine Leiter. Die geflügelten Wesen klettern dort, trotz ihrer Flügel. Die Kraft der Metapher liegt nicht darin, dass sie die Moderne diagnostiziert, sondern darin, dass sie etwas sichtbar macht, das sich eigentlich nie verändert hat. Eine Anatomie des Flügels gibt es nicht Der mittelalterliche Maler war kein Dummkopf. Wie jeder, der Vögel beobachtet hatte, ahnte auch er, wie viel größer die Flügelspannweite sein müsste, um einen menschlichen Körper zu tragen; Leonardo würde dies später in seinen Notizbüchern explizit berechnen....





























