Unsterbliches Storyboard
Warum wird die Odyssee seit dreitausend Jahren immer wieder gezeichnet? Wie lange lebt eine Geschichte? Zehn Jahre? Ein Jahrhundert? Oder altert eine Geschichte, die Töpfer, Bildhauer, Gravurmeister, Maler und heute Filmregisseure seit dreitausend Jahren nicht aufhören können, immer wieder neu zu erschaffen, wirklich niemals? Christopher Nolans aufwendige Odyssee-Verfilmung ist nicht bloß ein neuer Film. Sie ist das jüngste Glied in einer der langlebigsten visuellen Produktionsketten der Menschheit — IMAX-Kameras, die dort fortsetzen, wo die Hand aufgehört hat, die vor dreitausend Jahren eine schwarzfigurige Vase bemalte. Denn das Epos des Homer wurde niemals nur gelesen. Zunächst wurde es Szene für Szene auf antiken griechischen Vasen abgebildet. Dann ging es über in Marmorreliefs. Die Renaissance deutete es neu, die Romantiker imaginierten die Sirenen und Kalypso neu, die Symbolisten machten Odysseus zur Metapher des menschlichen Geistes. Heute sind dieselben Szenen auf der Leinwand. Vielleicht liegt die eigentliche Stärke der Odyssee nicht darin, Literatur zu sein, sondern darin, dass sie wie ein fertiges Storyboard funktioniert. Die Höhle des Polyphem, die Felsen der Sirenen, der Becher der Kirke, Penelopes Webstuhl, der gespannte Bogen ... Jeder Abschnitt ist für sich allein eine vollendete visuelle Komposition. Das Epos erzeugt nicht nur einen zu lesenden Text, sondern Bilder, die erneut gesehen werden wollen. Und die Kunstgeschichte folgt diesen Bildern seit dreitausend Jahren. Im Folgenden wollen wir verfolgen, wie selbst eine einzige Szene von Epoche zu Epoche weitergegeben wird. Fünf Szenen, die seit dreitausend Jahren gezeichnet werden Die Höhle des Polyphem : Die zuerst gezeichnete Szene Einer der ältesten visuellen Belege der Odyssee ist nahezu gleichaltr...



























