Geschichte des Blicks: Jedes Auge blickt von irgendwoher
Was passiert, wenn du einen Ausstellungsraum betrittst, genau? Der weiße Marmor unter deinen Füßen, die sterile Weiße der Wände, der berechnete Abstand zwischen den Werken, der Sicherheitsbeamte, der dich am Eingang begrüßt - nichts davon ist Zufall. Alles sagt dir etwas: Sei hier ernst. Zeige hier Respekt. Zeige dich hier wissend. Bevor du noch ein einziges Gemälde betrachtet hast, hat dieser Raum bereits begonnen, dich zu formen. Stelle nun diese Frage: Gibt es so etwas wie einen vorurteilsfreien Blick? "Ich schaue nur auf das, was ich fühle" ist der Satz, der der Kunst gegenüber am häufigsten gehört wird und am harmlosesten erscheint. Aber gleichzeitig ist er der irreführendste. Als Clement Greenberg Mitte des 20. Jahrhunderts das Projekt startete, die Kunst zur "Reinheit" zu führen, war er genau dieser Illusion auf der Spur. Befreie die Kunst von Narration, Politik, Alltag; nur Form soll bleiben, nur Farbe und Oberfläche - dann kann eine "reine" ästhetische Erfahrung erreicht werden. Das war das formalistische Projekt. Aber was entstand schließlich? Ein in sich äußerst rigider Kanon. Der abstrakte Expressionismus setzte sich ins Zentrum, die New Yorker Kunstwelt bestimmte den globalen Maßstab, eine bestimmte Produktionsweise, ein bestimmter Körper, eine bestimmte Geographie, eine bestimmte Klasse wurden als "universell" erklärt. Das Streben nach Reinheit hatte einen der wirkungsvollsten Filter der Geschichte produziert. Greenbergs Formalismus war keine Reinigung, sondern eine Wahl. Und jede Wahl wird von irgendwo getroffen. John Berger drehte 1972 eine vierteilige Dokumentation für die BBC. Der Eröffnungssatz ist immer noch scharf: "Sehen kommt vor dem Sprechen." Aber gleich darauf fügte er hinzu: "Wie wir sehen, wird davon beeinflusst, was wir wissen." Dieser Satz...

















