Das Bild ist kein Eigentum
Material, Eigentum und Sehen - eine Kunstnotiz Wenn wir ein Bild betrachten, glauben wir zu wissen, was wir sehen: ein Gesicht, eine Landschaft, einen Obstteller. Doch was wir betrachten ist zugleich das, womit es gemacht wurde. Das Material steht still unter dem Bild und sagt oft mehr als das Bild selbst: von wem, mit welchen Mitteln es produziert wurde. Wir bemerken das kaum, weil wir Material für selbstverständlich halten. Doch Material ist eine Wahl; oft auch ein Zwang. Betrachten wir noch einmal Gainsborough auf dem Umschlag dieser Seite, Mr and Mrs Andrews. Jahrelang lasen wir dieses Gemälde wie eine Naturdarstellung: ein Paar unter dem Baum sitzend, hinter ihnen eine lichtdurchflutete englische Landschaft. John Berger zerstört in Sehen diese bequeme Lesart - das Gemälde zeigt nicht die Natur, sondern Eigentum. Das Ehepaar Andrews steht nicht in der Landschaft, sondern vor dem Land, das sie besitzen; ihre Haltung, ihre Blicke, das Gewehr unter dem Sessel, alles ist eine Erklärung der Zugehörigkeit. Und das sagt nicht nur die Pose; es ist das Material selbst. Denn jahrhundertelang war Ölmalerei das Bild des Berührbaren. Sie konnte den Glanz des Pelzes, die Kälte des Silbers, die Schwere des Fleisches zeigen; sie machte den Gegenstand fast greifbar. Wie Berger es ausdrückt, war Ölmalerei die Sprache der besitzbaren Dinge: etwas damit zu malen bedeutete, es gewissermaßen zu besitzen. Deshalb waren große Leinwand, dicke Farbe, teure Pigmente niemals nur Material; sie waren eine Grenze, die vorzeichnete, wer Bilder produzieren konnte. Wechseln wir nun zur anderen Seite der Grenze. Kürzlich erzählte ein Maler in einem offenen Aufruf in fast vergnügtem Ton, dass er für große Leinwände keine Farbe aufbringen könne. Er hatte die Leinwand verkleinert; nun macht er winzige, ...
























