Wann betrachtet sich ein Künstler selbst?
Marcia Marcus und die verspätete Wahrheit, die der Spiegel zurückgibt
Ist es möglich, dass eine Künstlerin, die fast ein Jahrhundert lang in New York gelebt hat, bis zu ihrem Tod von so wenigen Menschen gekannt wurde? Die Geschichte von Marcia Marcus beginnt genau mit dieser Frage.
In einer Zeit, in der die Abstraktion zum Helden wurde, die Geste die Figur erstickte und männliche Mythen die Kunstgeschichte beherrschten, blickte Marcus hartnäckig auf Gesichter. Auf die Gesichter anderer. Und noch wichtiger: auf ihr eigenes Gesicht. Aber dieser Blick kann weder als Narzissmus noch als romantische Hinwendung nach innen gelesen werden. Marcus' Spiegel waren nicht da, um Schönheit zu bestätigen; sie waren da, um die Risse in der Identität zu zeigen.
In den 1950er und 60er Jahren war sie aktiv in der New Yorker Kunstszene: Sie stellte im Whitney aus, saß allein in der Cedar Tavern, brachte das Licht von Provincetown in ihre Gemälde. Zur gleichen Zeit wie Alice Neel und Sylvia Sleigh malte sie mit derselben Kühnheit figurativ. Aber die Geschichtsbücher schrieben andere Namen. Marcus hatte sich bewusst dafür entschieden, zeitlos zu sein, in einer Epoche, in der figurative Malerei "zeitlos" blieb.
Ihre Selbstporträts sind keine "Ich"-Erzählung; im Gegenteil, sie sind stille Performances, die die Inszenierbarkeit des Frauseins offenlegen. Sie wird zu Athena, wird zu Medusa, wird zur Malerin, wird zur Mutter — aber in keiner Rolle lässt sie sich vollständig nieder. Denn was Marcus interessiert, ist die Rolle selbst: wie sie getragen, wie sie verkörpert und wie sie abgelegt wird.
Ihre Verwendung der Fotografie nicht als Referenz, sondern als Oberfläche; ihre Betonung der Flachheit des Bildes; ihre theatralen, aber kalten Kompositionen... All dies ist eine viel frühere Datierung vieler Fragen, die wir heute über Cindy Sherman lesen. Aber Marcus tat dies nicht mit Slogans, sondern durch hartnäckiges Malen.
Mutterschaft war für sie keine Unterbrechung, sondern ein Bereich der Erweiterung. Selbst an den Tagen, an denen ihre Kinder geboren wurden, malte sie. Sie stellte keine Hierarchie zwischen ihrem Atelier und ihrem Leben auf. Kunst war für sie nicht etwas, das "gemacht wurde, wenn Zeit gefunden wurde"; sie war die Zeit selbst.
Und dann kam eine lange Stille.
Die Figuration fiel in Ungnade. Der Markt wechselte zu einer anderen Sprache. Marcus arbeitete weiter, aber wurde nicht beachtet. Bis Jahre später ein Berater zufällig ein Gemälde in Miami sah.
Die heute bei Lévy Gorvy Dayan eröffnete Ausstellung ist nicht nur eine Rückkehr; sie ist eine verspätete Geschichtskorrektur. Marcus wird nun neben Alice Neel und Sylvia Sleigh gelesen. In einem gleichwertigen Satz. Endlich. Aber im Herzen der Ausstellung steht ein einziges Gemälde — und man muss es bis zum Schluss aufheben.
Spiegelbild (Selbstporträt) von 1973, über acht Meter groß.
In einer antiken Ruine, ein von Sonnenlicht durchfluteter Raum. Marcus in einem transparenten Kleid positioniert neben der riesigen Leinwand einen goldgerahmten Spiegel neu. Ihr Blick ist uns zugewandt. Kalt, bewusst, verstörend klar.
In diesem Gemälde ist Marcus weder in der Rolle der Göttin noch der Mutter noch der Malerin.
Diesmal zeigt sie nur die Distanz zwischen dem Blickenden und dem Erblickten.
Der Spiegel ist nicht mehr eine Oberfläche; er ist ein Komplize.
Und die Frage ist nun unvermeidlich:
Wenn ein Künstler sich selbst betrachtet, wen enthüllt er eigentlich?
Marcia Marcus' verspätete Sichtbarkeit ist nicht nur der Moment, in dem eine Künstlerin in den Spiegel blickt; sondern auch der Moment, in dem die Kunstgeschichte in den Spiegel blickt. Und dieser Blick ist nicht einfach.