"Was einer Tasse widerfährt."
“Was einer Tasse widerfährt.”
Meret Oppenheim, 1936
(Das Fell des Kaffees + was einer Tasse widerfährt = Die Geburt des OBJEKTS)
Alles begann mit einem Scherz.
1936, Paris. An einem Tisch Picasso, Dora Maar und Meret Oppenheim. Picasso blickte auf Oppenheims Pelzarmband und sagte: "Alles kann mit Pelz überzogen werden."
Oppenheim lächelte: "Sogar diese Tasse."
Und rief dem Kellner zu: "Etwas mehr Pelz bitte."
Aber das war nicht nur ein Scherz.
Eine Weile später kaufte Oppenheim tatsächlich eine Tasse, einen Teller und einen Löffel — und überzog alles mit Pelz. Den Namen hielt sie minimalistisch: OBJEKT.
Was entstand war weder eine richtige Skulptur, noch ein richtiges Geschirr. Du willst es berühren, aber nicht daraus trinken. Sinnlich aber beunruhigend. Zart aber wild.
Eine Teetasse war zum ersten Mal so offen körperlich.
Die Surrealisten sprachen über das Unbewusste, aber Oppenheim legte es auf den Tisch.
Sie entfremdete einen als weiblich betrachteten Gegenstand — die Tasse — von seiner Funktion. Sie entriss ihn dem Dienst, der Eleganz, der "Bewirtung". Und ließ den Betrachter mit der Frage zurück:
Ist das noch ein Objekt oder schon ein Begehren?
Die Weichheit des Pelzes verschluckt das harte Porzellan. Das Innere der Tasse ist nun nicht mehr zum Trinken da, sondern zum Betrachten. Fast wie ein umgestülpter Körper: scheu aber einladend.
Alle Sexualität, die unter der modernen Tafelordnung versteckt war, wird plötzlich sichtbar.
Was Oppenheim tat war einfach aber radikal:
Das Alltägliche nehmen und verstörend machen.
Natur und Kultur kollidieren lassen.
Die Fantasien, die der weibliche Körper jahrhundertelang getragen hat, auf einen Küchengegenstand kleben.
Dieses Werk brachte ihr große Berühmtheit.
Aber gleichzeitig wurde es auch eine Last.
Denn nun erwarteten alle von ihr immer "wieder etwas Pelziges". Dennoch hielt die Geschichte folgende Notiz fest: Oppenheim wurde die erste Künstlerin, die in die MoMA-Sammlung aufgenommen wurde.
Mit einer Tasse.