"Emin oder Munch, oder derselbe Schrei?"
"Emin oder Munch, oder ist es derselbe Schrei?"
Können zwei Künstler mit einem Jahrhundert Abstand dieselbe Wunde berühren?
Es gibt Künstler, bei deren Werken Sie sich unwohl fühlen. Sie möchten wegschauen, aber Sie können nicht. Tracey Emin und Edvard Munch erzeugen genau diese Wirkung einer zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts von den kalten Fjorden Norwegens, die andere vom London des einundzwanzigsten Jahrhunderts. Zwischen ihnen liegen mehr als hundert Jahre, aber beide tun dasselbe: Sie schütten ihr Inneres nach außen. Und das ohne jegliche Filterung.
Munchs Schrei, Emins Bett
Munchs "Schrei" kennt jeder. Dieser rötliche Himmel, diese wellenförmigen Linien, diese Figur mit offenem Mund. Aber Munchs wahre Genialität liegt nicht darin, Angst zu visualisieren sondern sie ansteckend zu machen. Jeder, der das Gemälde betrachtet, hört diesen Schrei. Der Körper erzittert. Das ist mehr als ein Bild, das ist eine Erfahrung.
Emin macht das in einer anderen Sprache. In ihrer Arbeit "My Bed" von 1998, für die sie für den Turner Prize nominiert wurde, brachte sie ihr echtes Bett mit Unterwäsche, Zigarettenstummeln, leeren Flaschen und zerknitterten Laken in den Galerienraum. Hier gibt es weder Pinselstriche noch Farbpalette. Nur nackte Realität. Und genau wie Munchs "Schrei" zieht es den Betrachter in diesen Moment hinein.
Beide verweigern die Verschönerung. Beide drehen die Erwartung "schöner Kunst" um. Und beide bringen den Betrachter zum Nachdenken, indem sie ihn verstören.
Sexualität: Anziehung oder Zerstörung?
Munchs Gemälde "Madonna" ist ein Bild, das Sexualität sowohl heiligt als auch gefährlich macht. Die weibliche Figur wird mit einem aus der christlichen Ikonografie entlehnten Namen präsentiert, aber ihre Körpersprache ist völlig weltlich geschlossene Augen, zerzaustes Haar, ein Ausdruck, der sowohl Lust als auch Schmerz trägt. Munch verwandelt hier Sexualität von einem simplen Objekt der Begierde in eine existentielle Erfahrung.
Emin hingegen verwendet Sexualität als autobiografisches Material. In ihrer Zeltarbeit "Everyone I Have Ever Slept With 1963–1995" stickte sie die Namen aller, mit denen sie von ihrer Geburt bis zum Alter von zweiunddreißig Jahren ein Bett geteilt hatte Liebhaber, Familienmitglieder, Kindheitsfreunde eingeschlossen in die Innenseite des Zeltes. Der Titel ist bewusst provokativ: das Verb "schlafen" weckt sexuelle Assoziationen, aber das Werk geht weit darüber hinaus. Emin erstellt hier eine Karte der Intimität, Nähe und Verletzlichkeit.
Beide Künstler nehmen Sexualität aus dem Bereich des Tabus heraus und stellen sie ins Zentrum der menschlichen Erfahrung. Aber dabei romantisieren oder instrumentalisieren sie nicht. Im Gegenteil, sie zeigen gleichzeitig die Zerbrechlichkeit, Macht und den Widerspruch in der Sexualität.
Zeitgeist, Körper des Künstlers
Wenn wir diese beiden Künstler nebeneinander betrachten, können wir nicht nur thematische Ähnlichkeiten ablesen, sondern auch den Geist ihrer Zeit.
Munch schuf im Europa des späten neunzehnten Jahrhunderts. Die Industrialisierung gewann an Fahrt, Städte wuchsen, das Individuum ging in der Masse verloren. Während Familienverluste, Krankheit und Armut Munchs persönliche Geschichte prägten, finden sich auch die gesellschaftlichen Transformationen der Zeit in seinen Werken wieder. Seine Melancholie ist ebenso kollektiv wie individuell sie zeichnet ein Porträt der Entfremdung des modernen Menschen.
Emin hingegen ist die Künstlerin des späten Kapitalismus, des Individualitätskults und des Bekenntniszeitalters vor den sozialen Medien. Ihr Eintritt in die Kunstwelt als Frau aus der britischen Arbeiterklasse ist an sich eine Herausforderung. Die mutige Persönlichkeit in ihren Werken deckt sich mit der "Erzähl deine eigene Geschichte"-Ideologie ihrer Zeit, aber Emin weigert sich, dies in eine vermarktbare Erzählung zu verwandeln. Ihr Schmerz bleibt roh, unpoliert und unbearbeitet.
Furcht und Angst: Eine primitive Sprache
Emins Neonarbeit "I Am The Last of My Kind" von 2019 ist einer der schlichtesten Ausdrücke der Künstlerin. Dieser in leuchtenden Buchstaben geschriebene Satz trägt sowohl ein persönliches Geständnis als auch eine artbezogene Sorge. Emin verbindet hier Furcht und Angst nicht mit einem bestimmten Grund sie präsentiert sie als Grundzustände des Menschen.
Das hat auch Munch getan. Wir können nicht wissen, warum die Figur in "Der Schrei" schreit. Gibt es einen Krieg, einen Verlust, oder nur die Last des Daseins? Munch gibt uns keinen Grund, denn Angst braucht keinen Grund. Sie ist bereits in den Tiefen des Körpers und Geistes vorhanden.
Das ist das stärkste Band zwischen Emin und Munch: Beide erklären das Gefühl nicht, sie lassen es erleben. In ihrer Kunst gibt es keine These, da ist ein Gefühl. Und dieses Gefühl schlägt auch nach hundert Jahren mit derselben Intensität zu.
Die Werke dieser beiden Künstler erinnern uns daran: Kunst muss nicht Schönheit produzieren. Manchmal ist die stärkste Kunst die, die am schwierigsten zu betrachten ist.