Über die Formen der Rückkehr
Über die Formen der Rückkehr
Denken wir an einen kleinen Pflanzenzweig, der im Herbst seine Blätter abgeworfen hat.
Sein Stamm steht noch aufrecht, aber konzentriert sich nun nicht mehr aufs Wachsen, sondern auf Richtungen.
Jeder Ast repräsentiert eine Möglichkeit.
Bis zum Endpunkt gegangene, erprobte, erschöpfte Möglichkeiten.
Auf diesen Ästen
ist ein kleines Insekt, das trotz seiner Flügel nicht zu fliegen wählt.
Ein Marienkäfer.
Statt vorwärts zu gehen, bleibt er stehen, kehrt um, wendet sich einem anderen Ast zu.
Das ist keine Unentschlossenheit;
das ist der Rhythmus der Wegsuche.
Künstlerische Produktion wird meist zusammen mit der Idee des Fortschritts gedacht.
Was sich jedoch in der Praxis zeigt, ist mehr als eine lineare Bewegung
ein mit Rückkehren, Abweichungen und Wiederholungen verwobenes Kreisen.
Man geht bis zum Ende eines Astes,
bemerkt dort, dass etwas erschöpft ist
und kehrt zurück.
Diese Rückkehren werden oft falsch gelesen.
Als Zögern, Unentschlossenheit oder Orientierungslosigkeit.
Doch für manche Produktionen ist das Zurückkehren
eine bewusste Verweigerung.
Es ist der Ausdruck davon, nicht weiterzumachen, eine andere Möglichkeit ernst zu nehmen.
Heute wählen viele Arbeiten,
obwohl die Möglichkeit besteht, die Flügel zu öffnen und zu fliegen,
auf denselben Ästen zu wandeln.
Denn Fliegen ist riskant.
Sich vom Boden lösen bedeutet, den Kontext zu verlieren.
Laufen hingegen ermöglicht es, in Kontakt zu bleiben.
Dieser Text steht nicht an einem Ort, der Produktion verherrlicht oder kritisiert.
Er beschreibt eher einen Zustand:
An welchem Punkt der Künstler in seiner eigenen Praxis
umkehrt,
welchen Ast er warum verlässt
und welche neue Möglichkeit er stillschweigend erkundet.
Manche Arbeiten erscheinen auf den ersten Blick klein.
Genau wie die Anstrengung des Marienkäfers.
Aber diese kleinen Bewegungen
hinterlassen dauerhaftere Spuren als große Sprünge.
Denn sie haben es nicht eilig.
Denn sie stellen das Richtungwechseln vor den Fortschritt.
Der Herbst ist nicht die Jahreszeit des Endens.
Er ist die Jahreszeit des Aussortierens.
Das Unnötige fällt,
das Tragbare bleibt.
Auch die künstlerische Praxis durchläuft einen ähnlichen Prozess:
Nicht jeder Ast wird gehalten.
Nicht jeder Weg führt weiter.
Aber jede Rückkehr
macht eine neue Möglichkeit sichtbar.
Vielleicht ist die Sache
nicht das Fliegen oder Nichtfliegen.
Vielleicht ist die eigentliche Sache,
zu wissen, wann man weiterlaufen soll.