Erkan Özdilek: Von der Glut zum Buch, Die Spur von fünfzig Jahren

Erkan Özdilek: Von der Glut zum Buch, Die Spur von fünfzig Jahren

2026-03-03 – 2026-04-02

COLLECIST · ZEITGENÖSSISCHE KUNST

 

Erkan Özdilek: Von der Glut zum Buch, die Spur von fünfzig Jahren

Die dreibändige Publikation verwandelt die Erinnerung einer halbjahrhundertlangen Produktion in ein Dokument.

Wenn Sie Erkan Özdileks Atelier betreten, ist das erste, was Sie bemerken, nicht die großformatigen Papiere, die an die Wände gespannt sind; sondern die Farbspuren auf dem Boden, die getrockneten Blätter in einer Ecke, Steine und organische Fundstücke. Dieser Ort gleicht mehr einem Gedankenwald als einem Atelier – ein Ort wie Umberto Ecos Erzählwälder, wo sich zu verirren kein Fehler ist, sondern die Erfahrung selbst.

 

Nun wird die fünfzigjährige Karte dieses Waldes in einem dreibändigen Buch zusammengeführt. Die von Ali Can Metin gestaltete und mit Unterstützung der Halkbank veröffentlichte Arbeit präsentiert Gemälde, Zeichnungen und raumspezifische Installationen von den 1980er Jahren bis heute. Ein Teil des Verkaufserlöses wird für die Bildung von Mädchen gespendet.

Was dieses Buch jedoch von einer gewöhnlichen Retrospektive unterscheidet, ist, dass Özdileks Kunst nicht nur eine visuelle, sondern eine gedankliche Produktion ist. Der Künstler arbeitet mit dem Konzept, das er "im" nennt: nicht ein Zeichen, sondern eine in sich existierende Spur, ein Energierückstand. Nahe Derridas Spurkonzept, aber körperlicher, materieller. Die Linie auf dem Papier repräsentiert nichts; sie existiert für sich.

 

Dieses Gedankenuniversum nährt sich von einer breiten philosophischen Geographie, die von Aristoteles bis Deleuze, von Foucault bis Heraklitos reicht. Özdilek sagt in seinen Notizen, dass "Sprache und Schrift nicht Kommunikationsobjekte sein sollten, sondern ein Dokumentenverzeichnis produzieren müssen". Die dreibändige Publikation tut genau das: jenseits der Kommunikation produziert sie ein dauerhaftes Dokument.

Im Buch definiert die Kunsthistorikerin Berna Demirhan Özdileks Kunst als "einen Erfahrungsbereich, in dem Bilder Bedeutung gewinnen und die Sinne mit dem Bewusstsein verschmelzen". Prof. Dr. Marcus Graf positioniert den Künstler außerhalb modischer Strömungen: als einen Produzenten, der seit über dreißig Jahren seine eigene ästhetische und konzeptuelle Sprache entwickelt hat, ohne an populäre Trends gebunden zu bleiben.

In Özdileks Welt ist "Glut" ein zentrales Bild. Der Überrest der großen Explosion, sowohl Licht als auch Brandmal, sowohl Anfang als auch Spur. Der Künstler versucht nicht, sie zu repräsentieren; nur ihre Hitze spürbar zu machen. Seit seiner ersten Installation in der Hagia Sophia – 300×400 cm handgemachte Papierpulpe und drei rote Leinwände – glaubt er, dass der Raum den Künstler ruft. Er hat Foucaults Heterotopie-Konzept gelebt: Heiliges und Säkulares, Vergangenheit und Gegenwart nebeneinander im selben Raum.

Als Collecist verfolgen wir Özdileks Arbeiten aufmerksam. Seine Antwort in Ateliergesprächen auf die Frage "Wann weiß ein Künstler, dass er gesagt hat, was er zu sagen hatte?" ist wie eine Zusammenfassung dieser fünfzigjährigen Reise: "Er weiß es nicht. Und er sollte es auch nicht wissen. Hätte er es gewusst, wäre er stehengeblieben?"

Die dreibändige Publikation ist die bisher umfassendste Karte dieser unaufhörlichen Reise. Keine Retrospektive, sondern ein Dokument. In Özdileks eigenen Worten: "Wenn der Samen in die Erde fällt, geratet nicht in Panik. Das ist keine Notiz. Das ist ein Programm."

 

 

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