
Traumwald
TR
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Barış Gülen' Mehr von
Der Titel öffnet mit zwei Wörtern einen weiten Raum. Der Märchenwald ist kein echter Wald — er ist dichter, gefährlicher, schöner. Man verliert sich darin, doch dieses Verlorengehen ist nicht beängstigend, sondern transformativ. In jedem Märchen ist der Wald eine Schwelle: Die Person, die ihn betritt, ist nicht dieselbe, die ihn verlässt. Auch dieses Werk visualisiert genau diese Schwelle, genau die Mitte dieses Übergangs.
Die Vorherrschaft des Grüns auf dieser Leinwand ist innerhalb des Gesamtwerks einzigartig. Diese Farbfamilie, die vom dunklen Waldgrün über leuchtendes Grasgrün, blasses Jadegrün bis hin zu elektrischem Türkis reicht, ist nicht monoton, sondern vielschichtig und tiefgründig. Ganz so, wie man es sieht, wenn man in einem echten Wald steht: in jede Richtung ein anderer Ton, eine andere Intensität, ein anderes Licht. Dieser Reichtum des Grüns ist das Märchen selbst — der visuelle Beweis dafür, wie lebendig, wie vielstimmig und wie fesselnd diese Welt ist.
Das Dunkelblau und das Gelb-Gold am oberen Bildrand evozieren den Himmel und das Licht, das durch die Baumkronen des Waldes sickert. Diese beiden Farben — das Blau der Nacht und das Gold des Tages — sagen uns, dass der Wald sowohl bei Tag als auch bei Nacht existiert, sowohl Helles als auch Dunkles in sich trägt. So sind auch Märchenwälder: Sie sind nicht sicher, aber faszinierend; Dunkel und Licht leben gleichzeitig, im Schatten desselben Baumes, nebeneinander.
Die Formensprache trägt in diesem Werk einen anderen Charakter als in den übrigen Arbeiten. Neben scharfen und spitzen Formen treten geschwungene, organische und blattartige Formen in den Vordergrund. Diese organische Sprache verleiht dem Werk einen biologischen Rhythmus — der Wald atmet, wächst, verwandelt sich. Das Schwarz, das sich wie Stämme und Äste durch die Komposition zieht, verleiht dieser Struktur ein echtes Gefühl von Tiefe und Dreidimensionalität; es erinnert an das Spiel von Licht und Schatten zwischen den Bäumen.
Die dunkle, nahezu schwarze Fläche am unteren Bildrand ist der Boden des Waldes — feucht, dunkel und die Heimat der Wurzeln, aus denen all diese Lebendigkeit gespeist wird. Dieser Boden verleiht der Komposition Gewicht und Stabilität; zu sehen, wie all die strahlenden Grün- und Blautöne aus einem so dunklen Fundament aufsteigen, erinnert einmal mehr an die Tatsache, dass das Leben aus der Dunkelheit geboren wird.
Märchenwald steht innerhalb dieser Serie gemeinsam mit Unerwarteter Besuch zu den freudigsten und freiesten Werken. Beide öffnen sich nach außen, weiten sich aus und laden den Betrachter an einen Ort ein. Doch dieses Werk trägt einen archetypischeren, universelleren und ursprünglicheren Ruf — eine Einladung in jenen Wald, der sich in das Gedächtnis der Menschheit eingeschrieben hat, an jene magische Schwelle, an der Märchen beginnen und Verwandlungen stattfinden. Der Wald wartet auf Sie. Und wenn Sie ihn betreten, werden Sie ihn nicht als dieselbe Person verlassen.