
2010
TR
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Barış Gülen' Mehr von
2010, bestehend aus zwei Leinwänden von jeweils 24×18,5 cm Größe, konzipiert als horizontales Diptychon von insgesamt 48×18,5 cm, eine 2016 mit Acryl auf Leinwand produzierte Komposition.
Der Titel ist eine Jahreszahl: 2010. Weder eine Frage noch eine Erklärung — nur ein Datum. Aber diese Schlichtheit ist täuschend; denn eine Jahreszahl als Titel zu wählen bedeutet, dieses Jahr als Gefühl, als Atmosphäre und vielleicht als Wendepunkt zu markieren. Das Werk erzählt nicht von 2010; es erinnert sich daran. Und erinnern heißt immer teilweise neu erschaffen.
Das Diptychon-Format steht in tiefem Einklang mit diesem Gedächtnisthema. Zwei separate Leinwände stehen wie zwei Seiten eines einzigen Moments da: sie drücken formal die fragmentierte Struktur der Erinnerung aus, dass ein Moment niemals vollständig aus einer einzigen Perspektive erfasst werden kann. Die zwei Teile ergänzen einander, aber verschmelzen nicht vollständig — der kleine Zwischenraum zwischen ihnen ist wie jener unvermeidliche Verlust in der Zeit.
Der Farb- und Atmosphärenunterschied zwischen den beiden Leinwänden ist auffällig. Die erste Leinwand trägt eine dunklere, introvertiertere und schwerere Energie: unter der Dominanz von dunklem Grün und Schwarz erzählen gelbe und rote Aufblitzungen vielleicht das schwierige, komplexe Gesicht jenes Jahres. Die scharfen und entschlossenen Bewegungen weißer Linien symbolisieren einen Riss, einen Schnitt, die plötzlichen Wandlungen in jener Periode. Die zweite Leinwand hingegen hat einen helleren Grund, einen luftigeren oberen Bereich; Gelb ist hier freier und heller. Das Deutlichwerden von violetten, türkisfarbenen und hellblauen Tönen erzählt eine andere Jahreszeit innerhalb desselben Jahres, eine andere Gemütsverfassung oder wie sich der Blick auf jenes Jahr mit fortschreitender Zeit veränderte.
Auf beiden Leinwänden dominieren starke vertikale Formen und nach oben schnellende spitze Gestalten. Dieser vertikale Drang trägt den Wunsch nach Wachstum, Fortschritt und dem Herauskommen aus etwas in sich. 2010 ist höchstwahrscheinlich ein Jahr, in dem etwas begann oder sich verwandelte — und diese vertikale Energie ist das visuelle Äquivalent jener Transformation. Dass Gelb auf beiden Leinwänden ein zentrales Beharren hat, ist wichtig: Gelb ist die Farbe der Hoffnung, der Energie und des Lebenswillens; die Farbe von etwas, das trotz der Dunkelheiten jenes Jahres lebendig blieb.
2010 steht an einem Punkt, wo persönliche Geschichte mit kollektivem Gedächtnis sich kreuzt. In welchem Jahr der Betrachter auch geboren wurde, in welchem Jahr er auch etwas erlebt hat, wenn er einem Werk begegnet, das eine Jahreszahl derart verinnerlicht, erinnert er sich an sein eigenes 2010. Und vielleicht ist dies die stärkste Seite des Werkes: die Verwandlung eines besonderen Jahres in eine universelle Gedächtniseinladung.