


Alles auf dem Kopf
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Barış Gülen' Mehr von
Alles auf dem Kopf ist eine überschwängliche und transformative Komposition im Format 70×90 cm, in Acryl auf Leinwand im Hochformat, die sich weigert, sich in die vertikale Form zu fügen.
Der Titel ist zugleich vertraut und schwer beladen. Auf dem Kopf zu stehen beschreibt jenen erschütternden Moment der Umkehrung, in dem Oben zu Unten, Richtiges zu Falschem, Verlässliches zu Unverlässlichem wird. Doch dieses Werk präsentiert das Auf-dem-Kopf-Stehen nicht als Katastrophe, sondern als unvermeidliche und sogar notwendige Umwälzung. Manchmal ist es ein Vorbote einer neuen Ordnung, wenn alles auf den Kopf gestellt wird.
Das auffälligste formale Merkmal der Komposition ist der Einsatz großer Farbflächen. Das ruhige hellblaue Rechteck auf der linken Seite, die aufsteigenden rosa und schwarzen Massen auf der rechten Seite, das lebendige Grün, das sich unten abzeichnet, und die dunklen Bereiche in den unteren Ecken — sie stehen nicht parallel zueinander, sie stoßen und drängen einander. Keine Fläche ist vollständig zur Ruhe gekommen, kein Bereich hat Frieden gefunden. Diese Instabilität ist das Ergebnis einer bewussten Konstruktion; das Auf-dem-Kopf-Stehen selbst ist in das Rückgrat der Komposition eingeschrieben.
Die Farbwahl unterstützt diese Umwälzung auch auf emotionaler Ebene. Das kalte und ruhige Blau der linken Seite und das feurige Rosa und Dunkelblau der rechten Seite stehen sich wie entgegengesetzte Pole gegenüber. Das Zentrum zwischen diesen beiden Welten ist der komplexeste und ehrlichste Bereich: Schichten aus Orange, Lila, Bordeaux, Schwarz und Beige sind übereinandergestapelt und ineinanderverwoben. Der vertikale Bereich in der Mitte, der einer Hautfarbe nahekommt — gleichsam wie eine abstrakte menschliche Figur — symbolisiert das Wesen, das inmitten all dieses Chaos steht, erschüttert wird, aber aufrecht bleibt.
Die orangefarbenen und grünen Formen im oberen Bereich hingegen tragen trotz all dieser Schwere eine nach oben schießende Energie der Hoffnung. Alles, was auf den Kopf gestellt wird, fällt schließlich irgendwo; und wo es fällt, ist ein neuer Ausgangspunkt. Diese kleinen, aber beharrlichen Farben sind Vorboten dieses Anfangs.
Feine Linien — weiß, orange, rosa — bewegen sich zwischen diesen großen Flächen wie auf der Suche nach einem Gleichgewicht. Sie sind keine Lösung, sondern eine Suche; sie sind die Spuren eines Geistes, der versucht, in einer auf den Kopf gestellten Welt neue Koordinaten zu finden.
Alles auf dem Kopf kann das Bild eines persönlichen Bruchs ebenso sein wie das einer kollektiven Erfahrung. Das Werk verurteilt dieses Gefühl des Erschüttert-Seins nicht und tröstet auch nicht; es macht es lediglich vollständig und ehrlich sichtbar. Und manchmal ist das Wissen, dass etwas wirklich gesehen wird, für sich allein ein Trost.
